Mir ist es leider vergönnt geblieben die Anfänge der Karpfenszene in Deutschland zu erleben. Auch wenn der Karpfen hierzulande schon seit einer halben Ewigkeit gezielt befischt wird, so hat mit Sicherheit erst der Wechsel von der klassischen in die moderne Karpfenangelei dafür gesorgt, dass sich Angler durch moderne Methoden mit harten Ködern und einem feinen Haar definiert haben. Eine verschworene Szene die sich an den gemeinsamen Erfolgen berauscht hat und in einem stetigen Austausch miteinander stand.
So stelle ich es mir zumindest vor. Aber wie bereits erwähnt habe ich diese Zeit ja leider nicht miterleben dürfen.
Wie es aber vielleicht gewesen sein könnte, durfte ich bei meinem diesjährigen Trip nach Amerika erfahren.
Mein Ziel war Texas, der Lone Star State im Südwesten der Vereinigten Staaten.
Hier befindet sich eines der besten Karpfengewässer der USA. Der Town Lake in Austin der sicherlich auf einer Augenhöhe mit dem ebenfalls schon legendärem St. Lowrance River steht.
Mein Ziel war es den Geist der amerikanischen Karpfenszene zu spüren. Zu erfahren welche Menschen dort die gleiche Begeisterung teilen und mit welcher Motivation sie dieser Leidenschaft nachgehen.
Geschichtlich hat der Karpfen dort einen ähnlichen Hintergrund wie hier in Europa. Denn er galt vornehmlich als Nahrungsquelle und würde zu diesem Zweck gezüchtet.
Später, als diese Notwendigkeit mehr und mehr verschwand, sank auch die Wertschätzung für diese Fischart. Der Nahrungserwerb wurde auf andere Weise gesichert und auch als Sportfisch fand der Karpfen keinerlei Beachtung. Stattdessen ist der Largemouth Bass der Sportfisch Nummer eins in den USA und der Karpfen wird lediglich von den Bogenschützen beim "Bow Hunting" geschätzt. Eine Art der Wertschätzung für diesen Fisch die für mich und wohl auch für jeden anderen Karpfenangler unbegreiflich ist.
Dennoch gibt es auch einige vereinzelte Karpfenangler in den Staaten die sich darum bemühen den Karpfen auch als Sportfisch Akzeptanz zu verleihen.
Die meisten von Ihnen sind in der Carp Anglers Group oder der American Carp Society organisiert.
Am Lake Austin und am Town Lake hatte ich nun die Chance den grossteil der texanischen Karpfenangler kennen zu lernen. Unvorstellbar, dass sich in einem Bundesstaat welches größer als die Bundesrepublik ist, gerade mal 40 - 50 Angler auf die Karpfenjagd spezialisiert haben.
Dem entsprechend kann man wirklich von einer kleinen feinen Familie sprechen die jedoch keineswegs neue begeisterungsfähige Angler ausgrenzt sondern stattdessen sogar jeden "Neuling" herzlich empfängt. Auch wenn es wenige alte Hasen gibt, so haben die meisten mit der spezialisierten Angelei erst in den letzten Monaten oder Jahren angefangen und sind mit einer Begeisterung dabei, als hätten sie noch nie etwas anderes gemacht.
Es ist so unheimlich erfrischend wie offen und unkompliziert sie mit Ihrem Hobby umgehen. Für sie ist das Angeln ein "Social Happening" beim dem die Geselligkeit, das Barbecue, ein leckeres Kaltgetränk und natürlich auch ein kampfstarker Karpfen im Vordergrund steht. Von Neid oder gar Geheimniskrämerei war nichts zu Spüren. Stattdessen war jeder glücklich seine Erfahrungen, seine besten Stellen oder sein neuestes Gewässer preiszugeben.
Gemeinsam mit Kind und Kegel wurde die Zeit am Wasser zelebriert.
Selbst im Internet wird aus den eigenem Erfolg oder Misserfolg kein Hehl gemacht und nicht jeder der seine ersten Versuche an einem neuem Gewässer unternehmen will, wird eines bösen Blickes gewürdigt, weil er seine Erfahrungen doch bitte selber machen soll.
Gewiss, der Angeldruck an den Gewässern ist nicht zu vergleichen, alles befindet sich noch in der Aufbauphase, die Gewässerauswahl ist gigantisch und es ist fast unmöglich sich in die Quere zu kommen, aber dennoch war es für mich wunderschön zu sehen, wie unsere Leidenschaft auch gemeinsam gelebt werden kann. Vielleicht war es vor vielen Jahren auch bei uns mal so.
Ich wünsche den verrückten Amis nur, dass sie ihre Art des Miteinanders beibehalten und nicht schon bald in den komischen gleichen Trott verfallen wie er hier bei uns mehr und mehr zu spüren ist.
Es ist Platz für alle da! |